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LES ROUES, Kapitel 6
VOISIN
Wenn die Frage auf das „erste Auto“ kommt, denkt mann/frau sofort an deutsche Namen wie Benz, Daimler, Otto oder Horch. Sind wir doch (heutzutage) immer noch sehr stolz auf unseren Erfindungsreichtum, unsere „weltweit führende“ Automobilindustrie und die „überall hochangesehene Premiummarken“.
Nun, dies ist so falsch wie es nicht richtig ist.
Das „erste Auto“ wurde von einem Franzosen zu einer Zeit gebaut, da waren die genannten deutschen „Pioniere“ nicht mal geboren. Dieser Franzmann war ein gewisser Nicolas Cugnot, der 1769 einen Dampfwagen baute, das als erstes Automobil(1) gilt.
Ähnlich verhält es sich mit dem Flugzeug. Da werden in den meisten Fälle als Pioniere spontan die Gebrüder Wright genannt.
Nun, auch in diesem Fall ist in Vergessenheit geraten, dass die Franzosen gleichauf, wenn nicht sogar um eine Nasenspitze schneller waren.
Bereits 1905 gründete ein gewisser Gabriel Voisin mit einem Partner ein Unternehmen zur Herstellung von Flugzeuge. Die Verbindung hielt nur ein Jahr, als der Partner von Voisin ausstieg und Gabriel mit seinem Bruder Charles die „Societé des Aéroplanes Voisin“ gründete.
Das erste Flugzeug wurde schlicht „Voisin Standard“ genannt.
Eines dieser Flugzeuge(2) erwarb der Rennfahrer und Unternehmer Henri Farman und modifizierte es. Mit diesem Flugzeug, „Voisin-Farman I“ genannt, flog Farman im Januar 1908 zum ersten mal einen geschlossenen Kilometer(3) und gewann damit den ersten Grand Prix d’Aviation - und 50.000 damalige Franc.
Farman wird auch der erste Überlandflug zugeschrieben. Er flog im Oktober des selben Jahres von Chalons nach Reims, Distanz 27 Kilometer, in 20 Minuten.
In den Folgejahre wurden bei Aéroplanes Voisin verschiedene Modelle, von II bis XII.
Vom Voisin III wurden während des Grossen Kriegs ca 1.500 Stück gebaut, viele davon in Lizenz in Belgien Grossbritannien oder Italien.
Nach dem Krieg verabschiedete sich Gabriel Voisin vom Flugzeug, wand sich dem Automobil zu und gründete das Unternehmen „Avions Voisin“.
1920 erschien das erste Modell, der C1. Ein noch recht konventionelles Fahrzeug im Stil der Zeit.
Voisin war einer der ersten die schiebergesteuerte Motoren nach Knight-Lizenz verwendete. Bei diesen Motoren wird der Ein-und Auslass nicht über Ventile, sondern über sich drehende Scheiben oder Walzen gesteuert. Diese Motoren waren sehr laufruhig. Der Nachteil war Druck- und Gasverlust, was in der damaligen Zeit einfach durch Hubraum ausgeglichen wurde.
1923 baute er das erste Rennfahrzeug in Monocoque-Bauweise, das Voisin Laboratoire.
Schon bald wurden die Fahrzeuge von Voisin im selben Atemzug wie Bugatti, Hispano-Suiza, Isotta Fraschini, Bentley und Rolls-Royce genannt.
Im Gegensatz zu den genannten Firmen, bekam man bei Voisin ab 1926 keine Fahrgestelle mehr, sondern ausschließlich komplette Fahrzeuge mit den bei Voisin entworfenen Karosserieaufbauten.
In Folge wurden die Fahrzeuge immer mehr geprägt von der Flugzeugherkunft des Konstrukteurs. Die Karosserien bestanden aus Aluminium und chrarakteristisch wurde häufig die Streben vom Kühler zu den Kotflügen.
Charakteristisch wurde auch eine, auf Wunsch vieler Kunden, entworfene Kühlerfigur(4).
Da er diese Art der Dekoration etwas albern fand, entwarf Gabriel Voisin etwas, das diese Lächerlichkeit zum Ausdruck bringen sollte.
Er nannte sie „La Cocotte“ (Schmortopf). Es wurde zu einem unverwechselbaren Merkmal seiner Autos - und blieb es bis Voisin 1939 die Produktion seiner Luxusautos einstellte.
Trotz der Tatsache, dass er Dekorationen wie die Cocette nicht goutierte, gab es seine Fahrzeuge, auch dank seiner Kundschaft die etwas Extravaganz zu schätzen wusste, recht früh in „Art“ und „Dekoration“.
Zwar gab es im Laufe der Jahre und Baureihen auch recht konventionell aussehende Fahrzeuge, aber schon ab Mitte der 20er bekam man bei Voisin Automobile die die Mode der Zeit auf vier Räder übertrug - und zu dem führte, was einen Voisin ausmachte.
ArtDeko - und bei Voisin gab es davon die Vollfettstufe.
Bilder sagen mehr als Wort, sagt man, also lassen wir einfach mal die Bilder sprechen.
Voilà!
Hier ein C4 in schriller Lackierung.
Dies ist ein C6.
Der abgebildete Wagen ist allerdings eine spätere Nachbildung. Die Lackierung zitiert Farbmotive von Sonia Delaunay und wurde einer Illustration von Georges LePape für die Titelseite des Vogue-Magazin vom Januar 1925 nachempfunden.
Hier ein C15.
Der Schriftzug „Yacco“, eine Firma die Öl-Produkte herstellte, lässt darauf schliessen, dass dieses Fahrzeug an einem Wettbewerb teilgenommen hatte.
Ein C20 in der Ausführung „MyLord Demi Berline“
Angetrieben wurde der C20 von einem V-12 mit fast fünf Liter Hubraum - aber gerade mal 120 PS.
Ein C23.
Da nur 6-Zylinder und popeligen 90 PS aus drei Liter Hubraum war für das Klientel von Voisin solch ein Wagen vermutlich nur das Dritt- oder Viertfahrzeug an einer der (mehreren Ferienvillen), um „ein wenig mobil zu sein…“
Das sind C25 in der Ausführung „Aerodyne“.
Das riesige Dach des Aérodyne lässt sich auf Gleitschienen komplett nach hinten schieben. Zwar sind dann weder Kofferraum noch Tankeinfüllstutzen erreichbar, aber hey, „Form Follows Function“ ist eh völlig überbewertet.
Geschmacksichere Menschen bevorzugen „Function Follows Form“.
Innen ging es geschmacksicher weiter.
„Ich hätte gerne etwas extravagantes. Können sie das liefern?“
„Aber Ja.“
„Wir hätte da noch eine weitere Blauvariante.“
„Oder bevorzugen sie Rot?“
Für Käufer, die keine Kinder transportieren mussten, oder denen ein Bugatti 57 Atalante etwas zu profan war, gab es den C27 in der Ausführung „Aerosport Coupé“.
Auch den Nachfolger C28 gab es in der Ausführung „Aerosport“.
1939 war Schluss mit lustiger Extravaganz.
Für die jährlichn Bilanzen waren im Laufe der Zeit immer mehr rote Tinte von Nöten und Avions Voisin schloss seine Pforten.
Bereits in den frühen 1930er Jahren konnte Gabriel Voisin seine Konstrukteure nicht mehr ausreichend bezahlen, woraufhin ein junger kreativer Ingenieur namens André Lefèbvre kündigte.
Er wurde von Gabriel Voisin an Louis Renault empfohlen, aber landete schließlich bei Citroën, wo er drei besonders bedeutende Automobilprojekte leitete: den Traction Avant, die 2CV und die DS. Dabei setzte er vieles um, was er von seinem ehemaligen Chef gelernt hatte.
Nach dem zweiten Weltkrieg präsentierte Gabriel Voisin den C31. Einen spartanischen Kleinstwagen mit einem 125 ccm-Motor von Gnôme & Rhône, der die Mobilitätsansprüche der frugalen Nachkriegszeit befriedigen sollte.
Aber es fand sich kein williger Produzent in seinem Heimatland.
In Spanien allerdings entstanden davon angeblich ca 12.000 Stück unter dem Namen „Biscúter“ - eine kleine Erfolgsgeschichte, angesichts des Aussehen…
Bookmarks:
(1) Auf Liepedia wird es so formuliert: Das erste bezeugte und tatsächlich erbaute Fahrzeug, das nicht auf Muskelkraft oder einer anderen äußeren Kraft (wie z. B. Wind) basierte (und kein Spielzeug war).
(2) Also nicht nur ein Prototyp, sondern man kann fast sagen „in Serie gebaut“.
(3) Start- und Landepunkt waren an der selben Stelle.
(4) „Bitte geben sie mir etwas Unverwechselbares, wie die Spirit of Ecstasy von Rolls-Royce…“